HS29 "Silence"
Entwicklung
Die
HLG Szene war 1992/93 auf dem besten Wege den endgültigen Durchbruch
zu schaffen. Die Entwicklung lief so rasant wie gerade aktuell wieder
(SAL), neues allenthalben, der kleiner/leichter Trend begann wie ein Virus
um sich zu greifen. Das Modell, das die damalige Szene beherrschte, war
der "Tercel".
Ein gewisser Stefan
Höllein war daran nicht ganz unschuldig, um nicht zu sagen einer
der Haupttäter...
Der "Tercel" war im HLG-Bereich über 2-3 Jahre hinweg der
Standard, an dem sich jedes neue Modell zu messen hatte. Genaugenommen
war die Zeit der ganz großen Wettbewerbserfolge des "Tercel"
gerade vorbei, als ich dieses Modell entwickelte. Trotz allem erklärt
das ganz klar die "smarte" Größe dieses Modells,
die kommt nicht von ungefähr...
Das
sensationell geringe Gewicht von nur 230g war natürlich recht bestechend,
zumal nur der "Hattrick" von Dirk Dittersdorf auch dieses Gewicht
erreichte. Das ganze dann in Form eines gepfeilten Schwanzlosen war eine
recht vielversprechende Kombination.
Als
Basis habe ich eine konservative, aber eben bewährte Auslegung gewählt,
wobei ich erstmalig aufwendig profilierte Winglets eingesetzt habe. Als
Profil kam das HS3,0/8,0
zum Einsatz, was sich im Hallenflug an meinem RC-Gummimotorhallenflieger
"Hallengeist 1" bewährt hätte, wäre es nicht
etwas zu schnell und widerstandsarm gewesen. Also genau das richtige für
einen HLG, so die nicht ganz falsche Grundidee.
Irrtümer
und Irrwege...
Der Erstflug verlief wenig aufregend, das Modell flog schlicht und einfach.
Es setzt dem Wurf recht wenig Widerstand entgegen, was am Anfang etwas
gewöhnungsbedürftig war. Mit der Zeit allerdings machte sich
ein Problem bemerkbar, was die Starthöhen betraf:
Ich war noch nie ein guter Speerwerfer, dafür ein umso besserer Kugelstoßer.
Das sogar bei "Jugend trainiert für Olympia", was man halt
so alles tut. Das war ein Deal mit meinem Sportlehrer, daß ich 50%
schwänzen darf und trotzdem noch ne 3 kriege. Die Zeit, die ich auf
diese Weise gespart habe, ist voll und ganz meinen Thermikkünsten
zugute gekommen, die ich bei diesem Modell später wirklich gebraucht
habe. Zurück zum Werfen: die Wurfhöhen waren trotz des wirklich
sauberen und leichten Modells alles andere als befriedigend, Krisenstimmung
machte sich breit.
Nach längerer Überlegung fielen mir wieder die Testflüge
mit HS08 "Ohrgel ein". Das Ergebnis war, daß die profilierten
Winglets Brettchenwinglets weichen mußten. Der Erfolg war durchschlagend:
Wurfhöhen, von denen ich bis dato (alp)geträumt hatte, so ich
sie denn bei meiner Konkurrenz beobachten konnte. Damit sollte sich was
machen lassen, dachte ich jedenfalls noch.
Leider war diese Freude bald einer ziemlichen Enttäuschung gewichen:
Kann es sein, daß man 1 Woche täglich fliegen geht, ohne jemals
eine Thermik zu finden???
Eigentlich nicht. Zu der Zeit konnte ich noch wirklich fliegen, daran
lag es also nicht. Mit einem Speed400 Flitzer habe ich genauso wie mit
2kg schweren Speedbrettern Thermikmodelle ausgekurbelt, irgendwas mußte
also am Modell sein, was jede Thermikanzeige seitens des Modells verhindert.
Um es ganz klar zu sagen: Dieses Modell fliegt durch den stärksten
Hammerbart, ohne auch nur ansatzweise zu wackeln oder gar Steigen anzuzeigen.
Liebe Hangflieger merkt es euch gut! Genau so ein Modell braucht man am
Hang, vor allem bei unruhigen Bedingungen! Dieses Modell kann man bequem
auch noch an Tagen fliegen, wo eher Modelle mit 1kg Mindestgewicht angesagt
sind
Dann kam, was kommen mußte: Der HLG-Wettbewerb in Uelzen fand statt,
das Thermikproblem war immer noch weder geklärt noch gelöst.
Ausgepackt, ein lockerer Wurf. Vom Kofferraum weg ein Traumstart, direkt
in die Thermik, 5min geflogen!!! Wahnsinn!!! Leider im 0-Durchgang, also
für die Katz. Im Verlauf des weiteren Wettbewerbs habe ich nie wieder
eine Thermik auch nur ansatzweise auskurbeln können, von ein paar
kurzen Lupfern abgesehen! Das Leben ist manchmal wirklich ungerecht und
immer auf den armen kleinen Nurflügel! Nach spätestens 2-3 Kreisen
war Schicht im Schacht. Die Flugzeiten waren wirklich nicht schlecht,
aber trotzdem war es frustierend, den aufsteigenden "Tercel"
hinterherzuschauen! Das Handling der Kiste war direkt und präzise,
nur den optimalen Kreis in der Thermik zu finden schien unmöglich.
Daß das Modell doch noch zu etwas gut ist, zeigte sich beim abendlichen
Speedfliegen: 2. Platz hinter Dirk Dittersdorf und das nur wegen Touch-Down
am Ende der Strecke im zweiten Speedflug!
Stefan Höllein machte mit dem Megaphon die Wendemarke, es war ein
Zweistrecken Contest. Wir haben uns nur noch totgelacht, es war echt cool.
Trotz eines 3% gewölbten Profils und halboffener Rippenbauweise hat
das Modell einen Speed drauf gehabt, daß es eine wahre Freude war!
Zu diesem Zeitpunkt war ich noch mit -1,0° Verwindung unterwegs, aber
auch -2,0° bremsen das Modell nicht aus. Mit -3,0° kann man von
beginnender Thermiktauglichkeit reden. Dank Rippenbauweise nur eine Frage,
wie lange man die Airgun auf die Bespannung hält, um die passende
Verwindung zu erzielen...

Trotzdem hinterließ das Modell einen bleibenden Eindruck und ich
bekam den Konstrukteurspokal in Uelzen! Dazu gewann ich dann bei der Tombola
zu allem Überfluß auch noch einen "Grifter" Rumpf
und das als Nurflügelfreak!!! Die Jungs von der Leitwerklerfraktion
haben Rotz und Wasser geheult! 
Den Rumpf wollte ich mal irgendwann abformen, er liegt heute noch bei
mir herum, aber irgendwann... Wer ganz genau auf das Titelbild der Aufwind
4/93 schaut, erkennt in der Masse der Teilnehmer einen kleinen, smarten
orangefarbenen Nurflügel und das ist dieser hier!
Aerodynamische
Auslegung
Gepfeilter
Schwanzloser, cm0=0 Auslegung mit HS3,0/8,0
(ausgedünntes HS3,0/9,0), Rechteckflügel mit (später eingeführter)
satter Verwindung (8mm=-3,0°). Wichtig beim Nachbau: max -1° V-Form
einbauen! Die -3,4° pro Seite (!!) sind einer der Hauptgründe,
warum das mit dem Zentrieren nie so recht geklappt hat. Darüber hinaus
bitte keine (!!!) profilierten Winglets einsetzen, ihr fahrt ja auch nicht
mit angezogener Handbremse los - oder???
Wer mal im Detail an dem Flügel herumspielen will, kann sich hier
das Silence.fmd Modellfile herunterladen. Daran
kann man sich dann mit Hilfe des Truckenbrodt
nach Herzenslust austoben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß
sich das Modell mit 5-8% Stabilitätsmaß (Winglets nicht berücksichtigt)
begnügt, ohne Probleme zu bekommen.
Hinweis: der angegebene Nullmomentenbeiwert cm0=-0,0030 ist ein
rein rechnerischer Wert für Nachbauten in Voll-GFK. In Rippenbauweise
verzieht sich alles dermaßen, daß zum Beispiel mein Modell
eher cm0=+0,000...+0,006 aufweist.
Bauweise
Sehr einfach gehalten: klassische Balsa-Rippenbauweise mit 50mm breiter
D-Box aus 1mm Balsa vorne. Die Rippen sind aus 2mm Balsa und der Holmsteg
aus 3mm Balsa. Nach einem zackigen Start von meinem Bruder hatte ich plötzlich
ein zweiteiliges Modell. Es ist halt keine gute Idee beim Holm im Mittenbereich
allein auf 3er Balsa zu vertrauen. Man sieht: zur damaligen Zeit hatte
ich ein Gottvertrauen in Balsa, daß es mir heute noch den Angstschweiß
auf die Stirn treibt! In
der Mitte regelten nach besagtem Bruch zwei NF24 (1600tex) Rovings die
Einzelheiten der Biegemomente. Man sieht: Die Fotos habe ich klugerweise
vorm Erstflug gemacht. Geknackt ist er zwar erst nach ein paar Tagen,
aber man weiß ja nie...
Der Rumpf ist aus 2mm Balsa um einen C-12 herum aufgebaut, das war es
schon! Man hat wirklich nicht viel zu bauen an diesem Modell.
Einsatzbereich
Das Modell ist im Endeffekt für den Hangflug bei leichten bis mittleren
Bedingungen supergut geeignet. Sämtliche Annäherungsversuche
von Thermiken, das Modell irgendwie zu beeindrucken, werden vom Modell
eiskalt abgewiesen. Es fliegt seinen Kurs wie an der Schnur gezogen weiter.
Das geringste Sinken ist wirklich gut, die taktische Leistung ebenfalls,
das schnelle Gleiten ist wirklich eine der Domänen dieses Modells.
Nur nicht versuchen, mit diesem Modell Thermik zu kurbeln! Da muß
schon ein Hammerbart her und man muß wissen, wo er steht!
Was
kann man tun, um in der Thermik seine Chancen zu verbessern? Nun, negative
V-Form auf 0..-1° reduzieren, Spannweite vergrößern, Profiltiefe
auf 160-180mm erhöhen, um die Flächenbelastung zu senken. Dann
wird es sicher schon interessant. Aber angesichts der SAL HLGs würde
ich mir nicht mal im Traum überlegen, mit so einem Modell gegen diese
Startmonster anzutreten. Es gibt einfach Dinge, die muß man sich
nicht antun. Aber um ZAGIS zu versägen, reicht dieses Modell allemal
und die meisten Standardmodelle sollte man trotz allem tief unter sich
lassen... 
Zurück
zur Dreiseitenansicht
© Copyright 1993-2001 - Alle Rechte
vorbehalten.
Die gewerbliche Nutzung sämtlicher Konstruktionsunterlagen ist nur
mit ausdrücklicher
schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet. Fragen zur Site richten
Sie bitte an:
webmaster@aerodesign.de
|