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Geschichte
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In den Herbstferien 1991 wollten mein Bruder und ich endlich mal die Herbststürme auf der Insel Baltrum (östliche Nordsee, zwischen Norderney und Langeoog, ja, das Fleckchen, wo man immer überlegt, ob das nun ein Fliegenschiß auf der Karte oder vielleicht doch eine Insel ist) zum Modellfliegen nutzen, wo wir sonst nur in der Sommerzeit Urlaub machten.
Mein Bruder hatte gerade seinen Führerschein gemacht und die lieben Eltern wollten partout nicht, daß ein Führerscheinneuling auf große Fahrt geht. Manchmal hilft endlos nerven und nörgeln weiter, in unserem Fall hat das tatsächlich geholfen. Aber leider etwas spät, also war spontanes Bauen angesagt... Eckhard hatte zu dem Zeitpunkt gerade seine Spariane in Arbeit, die er dann auch mitgenommen hat.
Wir freuten uns tierisch auf eine Woche Hangfliegen total, jedenfalls dachten wir das zu dem Zeitpunkt noch. Es wurde aber eine Woche Sturmfliegen. Dafür hatte ich ja zum Glück den nagelneuen Sturmtänzer in ein paar Nachtschichten gebaut. Der Flügel war für ein Elektrobrett geplant, er mußte nun für diesen Hanghobel herhalten. Nach einer Nacht Auto beladen hatten wir ein unglaubliches Reperaturset zusammen, wir hätten allein damit ein drittes Modell aufbauen können. Insgesamt landeten aber nur diese zwei Modelle im Auto, damit waren wir von Schwach- bis Starkwind gut ausgerüstet. Gegen Mittag ging es los, auf der A7 gen Norden...
Schon während der Autofahrt nagelte der Wind nur so übers Land, das Auto pfiff auf dem letzten Loch. Der Regen wollte nicht aufhören, wir ahnten insgesamt, was uns oben erwarten würde. Im Radio lief "Kuddeldaddeldu" rauf und runter, während wir uns langsam der Küste näherten. Die Ahnung, daß das ein Sturm sein könnte, wurde zur Gewißheit, als wir in Neßmersiel, dem Hafen zur Insel Baltrum, ankamen. Die Wellen schlugen hoch, das Meer brodelte ganz nett. Gischtfahnen flogen übers Meer, das war eine satte 9Bft W-NW. Ein Glück, daß die Fähre gerade noch fuhr, manchmal stellen die den Betrieb bei solchem Wetter auch ein. Eine schön schaukelige Überfahrt mit einem heißen Drift (Seitenwind) in den Baltrumer Hafen rein und schon waren wir da. Modelle schnell gegriffen und nichts wie los, es regnete immer noch, aber nicht mehr ganz so übel.
Nach gut 15 Minuten Fußmarsch waren wir dann an der Wohnung angekommen, schnell alles ausgepackt. Drinnen war es lausekalt. Noch am nächsten Morgen war die Wohnung so warm, daß man nicht sofort erfror, sondern erst fünf Minuten später. Warum gehen Heizregelungen immer dann kaputt, wenn man es nicht brauchen kann? Draußen waren zwar theoretische 8°, aber bei dem Wind fühlt sich alles sehr, sehr kalt an. Nach einem Frühstück, das nicht wirklich geholfen hat, ging es los zum Windcheck. Kaum über den Deich geschaut, waren wir etwas überrascht, weil sich auch bei fast abgelaufenem Wasser noch solche Wellengebirge an den Buhnen austobten, daß an ein Fliegen vor Mittag nicht zu denken war. Gischt und Elektronik sind zwei Dinge, die sich nicht wirklich vertragen...
![]() Bild 2: Auf dem Süddeich (Wattseite), Insel Baltrum |
Nun, das Modell wollte erst noch eingeflogen werden, da sollte der Wind schon noch etwas nachlassen. Gegen Mittag flaute der tatsächlich auf eine gute 5-6 ab, wir konnten also losziehen.
Am flachen Süddeich die ersten Würfe, die Flächen mußte man sehr gut festhalten, die Böen schienen sich nicht an die 6 halten zu wollen, die der Windmesser im Hafen meinte ermittelt zu haben. Gut, dann eben nicht. Also gleich eine Portion Blei in den SWP, bei 500g hätten wir das Modell im Lee einsammeln können oder auch nicht, der Wahrscheinlichkeit nach eher nicht. Bild 2 ist auf diesem Deich mit Blick auf den Heller (Wattseite der Insel Baltrum) aufgenommen. Im Moment der Aufnahme ballerte gerade eine Böe rein, deswegen stehe ich so komisch nach hinten gebeugt, fast wäre ich umgefallen.
Dann ging es also leicht aufgebleit los, ein leichter Wurf und das Teil flog. Bißchen ruckelig zwar die Angelegenheit, aber ansonsten ganz vorzüglich. Die HR standen 3mm nach oben raus, klar bei einer cm0=0 Auslegung und Sturm-Schwerpunkt. Genug Reserve um ordentlich Dampf zu holen, wenn es auffrischt, dachte ich jedenfalls noch zu diesem Zeitpunkt.
Gesagt, getan, wir also weiter an den Westkopf zum Hangfliegen. Kaum waren wir um die Ecke, flog uns schon die Gischt entgegen! Eine fette Dünung rollte gegen die Uferbefestigung, dabei war doch fast schon Ebbe! An die Springflut hätten wir ja denken können, wozu gibt es Tidenkalender? Der Wind hatte inzwischen außerdem heimlich auf NW gedreht, sehr schön, weil wir nun die lange 100m Kante befliegen konnten, schlecht aber, weil dadurch das Wasser noch eine Ecke höher stand als eh schon. So dauerte es dann noch ein halbes Stündchen und dann gings los. Unten stand das Wasser nur kurz vor dem Betonprofil, der Strand zum Landen wäre 10m breit gewesen, aber nur, wenn sich die Wellen dran gehalten hätten. So war da irgendwas zwischen 2 und 5m, recht wenig für einen ersten Hangeinsatz eines solchen Modells. Gut, wir wollen ja fliegen und nicht landen, also raus mit dem Modell...
![]() Bild 3: Der Westkopf! Besagter Maschendrahtzaun, Blick auf die Landefläche, links ist die WSW Kante, die Buhne ist genau West |
Kaum aus der Hand, die erste Erkenntnis: Dieses Modell ist schnell, richtig schnell. Langsam gab es nicht, der Wind hatte wie üblich just in dem Moment nachgelassen, also ging es zeitweise etwas abwärts.
Bis dato hatte ich noch kein Modell, das im Millisekundenbereich 90° Schräglage einnimmt, wenn eine Böe dahergelaufen kommt. Aber man gewöhnt sich an alles und das erstaunlich schnell. Dann kam, was kommen mußte: Der Wind frischte immer mehr auf und zwar ganz schnell in ganz kurzer Zeit. Das Modell flog irgendwann langsam, aber unwiderstehlich rückwärts! Hinter mir war ein Maschendrahtzaun und ein paar weitere Betonbefestigungen, nichts, womit ein Rendezvouz Sinn machen würde. Und landen wollte ich auf der ebenen Betonfläche (Bild 3). Schade eigentlich, da kam schon die nächste Böe an und ich hing direkt über und etwas hinter dem Zaun, 30cm um genau zu sein. Jetzt war kein Platz mehr für Fehler, das könnte ein ungutes Ende für mein schönes, nagelneues Modell nehmen. Sanft angedrückt und nach einer Ewigkeit hing die Kiste endlich wieder vor dem Zaun, schnell nachgedrückt und unten auf den Beton geknallt.
Angesichts des geretteten Modells war ich zunächst überglücklich, bis sich mein Seitenleitwerk Sekunden später nach Lee verabschiedete und der Rumpf nach einem kapitalen Bruch aussah, alles schien irgendwie schief zu sein... Schonmal versucht bei viel Wind Balsatrümmer einzusammeln? Gut. Ab jetzt baue ich nur noch mit Stahlbeton, beschloß ich. Das mit dem Seitenleitwerk lag an der horizontalen Maserung (s. Bild 2), das Balsabrett paßte einfach so schön der Breite nach vom Zuschnitt. Nein, sollte man nicht tun. Tesatape regelt seitdem die Einzelheiten zwischen den Balsabrettchen da hinten, das hebt besser als GFK, weil das zu spröde wäre für harte Landungen auf dem Beton. So war also der Erstflug und dann ging es heim, reparieren und Pfoten aufwärmen.
Anderthalb Stunden später waren wir wieder zurück, diesmal mit viel Blei in den Taschen und noch mehr im Modell. Jo, inzwischen ballerte eine lockere 8-9 auf den Hang, das Modell legte 1kg Kampfgewicht dagegen, das paßte jetzt bestens: Ich konnte zügig vorfliegen, zurückheizen, drehen, wenden, Turns fliegen, Speedwenden drehen, vorbeiheizen und Frührentnern hätte ich Angst einjagen können, aber die trauten sich bei dem Wetter nicht raus. Die Möwen eigentlich auch nicht, nur zwei verirrte Exemplare kämpften mit dem ruppigen Wind und verzogen sich schnell wieder. Die hätten vermutlich 2 Pizzas verdrücken müssen, um genügend Masse auf die Waage zu bringen...
Im groben und ganzen recht aufregend, man muß immer auf der Höhe des Geschehens sein, sonst hat man ein Modell weniger. Ohne Training würde ich wohl eher 1,5m Spannweite empfehlen, wenn man sich partout böige Starkwindtage antun will. Ist der Wind konstant, ist das Modell spaßig zu fliegen, die Wendigkeit läßt grüßen. Ein wenig Training speziell ums Höhenruder herum sollte man aber haben, das camax ist so gering, daß mich dieses Modell jedesmal aufs neue überrascht, wenn ich es alle paar Jahre reaktivere. Manche Leute würden das Höhenruder als extrem fickrig bezeichnen, ausgesprochen direkt wäre vermutlich die diplomatisch korrekte Bezeichnung.
Wieviel Wind geht nun? Das haben wir uns auch gefragt und dazu war diese Sturmwoche perfekt. An einem Tag hatten wir am frühen Nachmittag "traumhafte" Bedingungen, der Bigday war da: Der Weltempfänger meldete für die Deutsche Bucht Sturm mit orkanartigen Böen, in Worte übersetzt 9-11 Bft. Schön! Ein Tag, an dem auch Vögel besser zu Fuß gehen. Also Blei rein, das Modell wog flugfertig gute 1,1kg, mehr paßte einfach nicht in den Rumpf. Nimmt man das Modell in dem Zustand zuhause in die Hand, ist man fest davon überzeugt, daß ein Stein eher in der Luft bleiben wird als dieses Modell. Draußen am Hang fragt man sich dagegen, wieso man nicht auf 2kg aufgebleit hat. Zwischen diesen Mühlsteinen lebt es sich nicht gut und den Überlegungen machte zum Glück das fehlende Rumpfvolumen ein Ende. Sonst wäre ich wohl nie rausgegangen.
In meinem Leben hatte ich bis dato zwar schon Windstärken bis 12 an der Küste erlebt, aber nie angesichts dieser bekloppten Idee, da noch irgendwas anderes zu tun als irgendwie heil heimzukommen. Das ist doch nur eine runde 10 sagte das Gehirn, der Bauch enthielt sich zum Glück abgesehen von nervösen Bauchschmerzen einer weiteren Äußerung. Der erste Weg ging wie üblich zum Hafen, W-NW mit einer mittleren 10, in Böen 11. Und einfach böig, aber nie unter 9. Wir also wieder zum Westkopf. Der Weg dahin ist kaum zu beschreiben: Das Modell war nur horizontal in Flugrichtung zu halten und auch nur an beiden Flügeln. Hätte Eckhard am Rumpf gehalten, er wäre glatt abgerissen. Bei jedem Modell wäre das passiert, so gewaltig riß der Sturm am Modell. Gehen war kaum möglich, wir krochen zeitweise, um uns den Böen zu erwehren. Unter dem Motto 3 Schritte vor, 2 zurück, bewegten wir uns nach vorne. Irgendwann waren wir dann da, bei genau Tiefebbe, klar. Also nichts wie nach vorne, an die Kante. Das ging halbwegs, aber Gischtfetzen flogen gelegentlich vorbei, weswegen ich die Anlage bis zum Start unter meinen Anorak versteckte.
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Dann standen wir am Startplatz. Zum Glück gibt es da eine Betonwand, an die ich mich lehnen konnte, der Wind hätte mich beim Fliegen umgeworfen, man kann sich nicht gleichzeitig auf ein Modell und darauf konzentrieren, vom Sturm nicht umgeworfen zu werden. Das Atmen ist sehr unangenehm in der Situation, ein hoher Gegendruck und man fühlt sich zugleich mit dem Rücken an die Wand genagelt. Trotz der umgebenden Weite könnte man angesichts dieser Situation klaustrophobische Anfälle bekommen. Unten rollten die Wellen an den Strand wie bei einer Sommerflut, mit dem Unterschied, daß gerade Ebbe war! Da stand eine 1,5m Welle, schönen Dank und wo soll ich notlanden? Zu dem Zeitpunkt war mir ohnehin klar, daß das Modell unwiederbringlich verloren ist...
Eckhard hatte allergrößte Mühe das Modell irgendwie festzuhalten und nicht umgeweht zu werden. Der Sturmtänzer zappelte wie wild in seinen Händen, wie sehr der Name paßte, wurde mir in dem Augenblick klar und schon hing er in der Luft. Das Zappeln war sofort weg, ruhig stieg er 10, 15m hoch. Ich hatte echt Glück, gerade war die Luft böenfrei. Also schnell nachgetrimmt, Ausschläge verkleinert, die Reaktion war höllenmäßig bei der Fluggeschwindigkeit. Dann kam ein Böenset hereingeknallt, wie ich es noch nie erlebt hatte: Das Modell zuckelte um alle Achsen, vielleicht 10-20°? Wahnsinn, es stand aber am Himmel wie festbetoniert. Dabei war um die Längsachse die Hölle los, blitzschnell um 90° gedreht, Gegenruder, zack, Nullage, 45° in die andere Richtung, Gegenruder, schwänzeln, zur Abwechslung mal eine Höhenruderkorrektur, dann wieder Quer... Binnen Minuten war ich mit den Nerven fix und fertig. Kurz Atem holen, ein paar Sekunden nur, dann kam das nächste Böenset rein und auf ein neues. Das Spiel lief rund 20 Minuten und in einer ruhigen Sekunde knallte ich das Modell ganz schnell auf den Beton. Jetzt rentierte sich die Auslegung, daß der Flügel tief und mit 0° Sehnenwinkel zur Rumpfunterseite montiert war. Etwas Höhenruder gezogen (erzeugt ja schön Abtrieb und verringert nochmals den Anstellwinkel) und das Modell lag fest, als wäre ich im Wohnzimmer. Wer in dem Moment wie bei einem Leitwerkler drückt, darf sich ein neues Modell bauen, den nachfolgenden Einschlag (erst hoch, dann auf die Nase) würde nichtmal ein Modell aus Stahl überleben.
So, das wars also: Modell heil und ich mit den Nerven völlig am Ende. Nach der Landung haben mir die Beine gezittert, wie noch nie, die Hände wurden plötzlich ganz warm, als hätte ich die ganze Zeit Handschuhe getragen, der Magen hatte sich beruhigt und ich mußte dringend wohin... Die Luft roch auf einmal so großartig salzig und frisch, das Gras war grüner, der Himmel blauer, die Wolkenfetzen fegten nicht mehr übers Land, sie flogen und langsam kam wieder die Wärme in die Nasenspitze zurück. Nach dem Fliegen hatte ich noch nie ein so befreiendes Gefühl gehabt wie nach diesem einen Flug.
Kaum zu Hause angekommen, habe ich mich ins Bett gelegt und 3 Stunden wie ein Toter geschlafen. Bei solchen Bedingungen werde ich nie wieder mit einem so kleinen und leichten Flieger rausgehen. Aber mit einem 1,5m Hangflitzer vielleicht...

Bild 6: Der Nordhang! Trägt
leider nur schlecht trotz 5-10m Höhe, ist zu flach.
Hier noch ein Bild aus dem darauffolgenden Sommer. Das hier ist der Nordhang, nach links geht es Richtung Westkopf. Diese Betonplatten sind das Landefeld, mit 5m nicht breit, aber es genügt. Selbst 3m Modelle kriegt man da runter, die sollten aber schon robust sein.
Man sieht, es weht gerade ein leichter W-NW. Bei solchen Bedingungen mit wenig Böen und halbwegs konstantem Wind läßt sich das Modell hervorragend fliegen und bereitet keinerlei Schwierigkeiten. Unter Extrembedingungen wird es halt tricky, aber das wird einem mit den meisten Modellen so ergehen.
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